Staffel 4 · Rückblick
„Bisher auf Hilo"
🎵 „The Sound of Silence" von Disturbed - „And the people bowed and prayed, to the neon god they made..."
... zZzZ ... Bobby hier. Noch immer im Dunkeln. ... zZzZ ...
Aloha, Hilo. Hier ist Bobby Star, eure Stimme auf Hilo FM 99.3 - und ja, ich bin immer noch auf Sendung. Solange dieser Generator brummt, brummt auch Bobby. Falls ihr neu seid auf dieser Insel, oder gerade erst einschaltet, weil euer Radio das Einzige ist, was noch Saft hat: bleibt dran. Ich erklär euch in aller Kürze, wo wir stehen - und wie wir hierhergekommen sind.
... zZzZ ...
Fangen wir bei der Familie an, über die alle reden und keiner gern laut spricht: die Burns. Manche nennen sie eine Gang, manche Verbrecher, und keine dieser Bezeichnungen ist ganz falsch. Merkt euch das, es wird wichtig. Letzten Winter wurden zwei von ihnen in den Norden verschleppt, in eine abgelegene Bergstadt namens Willow Creek. Dahinter steckte Carlos Burns, der Gründer der Familie, ein Mann, den alle längst unter der Erde geglaubt hatten. In den Minen unter der Stadt betrieb er ein geheimes Labor, Menschenversuche. Die Burns reisten ihm nach, und es endete, wie solche Geschichten enden: in Feuer. Die Mine brannte aus, Carlos kam um, die Behörden sprachen brav von einem Gasunglück.
Die Burns kamen zurück. Sie hatten gewonnen - aber dieser Sieg hat etwas freigelegt, das viel größer und kälter ist als Carlos je war. Einen Gegner, der seit Jahren im Verborgenen die Fäden zieht. Wer das ist, weiß auf dieser Insel kaum jemand. Ich gehöre nicht dazu, und ehrlich gesagt bin ich froh drum.
... knack ... knack ...
Dann, im April, lag ein Kreuzfahrtschiff in unserem Hafen, die MS Paradiso. Zwei Wochen Karibik, hat Clyde Burns angeblich ein Vermögen gekostet, damit die Familie mal durchatmen kann. War aber keine Erholung. Kaum auf See lag der Kapitän tot in seiner Kabine, der Funk fiel aus, das Schiff trieb allein im Ozean. Das Ganze war von Anfang an eine Falle - während die Familie wehrlos auf dem Pazifik festsaß, sollte ihr Feind hier ungestört an Land gehen. Man fand hinterher genug Gift an Bord, um den halben Speisesaal auszulöschen. Die Burns überlebten und kamen heim. Aber jeder wusste: der Krieg aus dem Norden war ihnen über den Ozean gefolgt.
Die ganze Geschichte ist zu lang für eine Sendung, Leute. Wenn ihr's genau wissen wollt, fragt in der Gruppe, da hilft man euch gern, oder blättert in Ruhe im großen Handbuch nach. Da steht alles.
... zZzZ ...
Und in diese Lage hinein kam der Schlag, der uns jetzt alle betrifft. Vor gut einer Woche zog ein Tropensturm über Hilo und gab unseren maroden Stromwerken den Rest. Seitdem ist die Insel dunkel. Komplett. Kein Strom, kein Internet, kein Handynetz, eure Smartphones sind so nützlich wie Türstopper. War das wirklich nur der Sturm? Das FBI durchkämmt das Kraftwerk, und ein Arbeiter dort erzählt von einem IT-Techniker, der wenige Tage vorher ein angebliches „System-Update" gemacht hat und dann spurlos verschwand. Macht euch eure eigenen Gedanken. Ich behalt meine für mich.
Bürgermeister Derek Thorn hatte monatelang Zeit, die Werke zu reparieren, das Geld floss stattdessen in ein glänzendes Tourismusprojekt auf der Westseite. Heute brummen dort die Privatgeneratoren der Villenbesitzer, die Pools sind beheizt. Die Südseite hat nichts. Zwei Welten, eine Insel. Ich sag dazu mal nichts weiter. Und ratet mal, wer auf der Südseite einsprang, als der Staat versagte. Genau die Burns. Sie haben das Iron Loft geöffnet, warme Mahlzeiten, Schlafplätze, der letzte Notstrom für die, die ihn am dringendsten brauchen.
„Sie tun mehr für uns als die Regierung." - eine Stimme von der Südseite
Lasst das sacken. Ein Lichtblick ist auch dabei: ein gewisser Nathan Castle hat doch tatsächlich mitten im Blackout eine Bar eröffnet, „The Castle" auf der Westseite, eigener Generator, kalte Drinks. Das Ding ist über Nacht zum Wohnzimmer der ganzen Insel geworden.
... zZzZ ...
Und das ist längst nicht alles, was auf dieser Insel atmet, Hilo. Im Coastline Hospital läuft alles auf Notstrom, jede Stunde zählt. Drüben geht das alltägliche Leben weiter, so gut es eben geht - Schule, Uni, Surfkurse, die kleinen Dramen und die ersten Lieben, von denen kein Sturm etwas weiß. Polizei, Sheriff und FBI versuchen, eine Insel zusammenzuhalten, die sich längst eigene Regeln geschrieben hat. In den Clubs lebt die Musikszene, laut und gnadenlos wie eh und je. Und über allem thronen die alten Gründerfamilien, Ravens, Crows, Hunters und wie sie alle heißen, deren Geheimnisse tiefer reichen als jede Gang.
Dazu Dinge, über die man nur flüstert: Menschen mit seltsamen Narben, die selbst nicht wissen, was in ihnen steckt. Ein gestohlenes Gemälde, ein altes Artefakt, eine verschwundene Freundin. Was wäre eine Insel ohne Geheimnisse? Langweilig. Ihr müsst euch das nicht auf einmal merken - im Handbuch ist jede dieser Geschichten in Ruhe aufgeschrieben, und in der Gruppe zeigt man euch gern, wo ihr am besten einsteigt.
... knack ...
Und jetzt das Frischeste, direkt von der Straße - beziehungsweise vom Wasser. Seit Kurzem haben mehrere Leute angerufen, unabhängig voneinander, und alle dasselbe gesagt: ein riesiges Schiff vor der Küste. Und jetzt kommt's, es soll aussehen wie ein altes Piratenschiff. Könnt ihr das glauben? Niemand weiß, wo es gerade ist oder ob es Kurs auf die Küste hält. Vielleicht Einbildung, vielleicht der Hunger, vielleicht auch nicht. Haltet die Augen offen, Hilo. Wenn ihr was seht, wenn ihr was hört - Bobby will es wissen.
... zZzZ ...
So weit die Lage. Und sie spitzt sich zu. Vor dem Rathaus stehen seit heute Morgen Hunderte Menschen, Schilder, Megaphone, wütende Gesichter, die Antworten von Thorn fordern. Noch ist es friedlich. Betonung auf noch. Auf der Südseite ist friedlich längst vorbei, brennende Autos, eingeschlagene Schaufenster, ein Mob, der Richtung Stadtzentrum zieht. Polizei und FBI versuchen ihn aufzuhalten, aber womit? Die haben selbst kaum noch Sprit im Tank. Und als wäre das nicht genug, zieht schon der nächste Sturm heran. „Koa", direkt auf uns zu. Der Schiffsverkehr ist eingestellt, keine Lieferungen, keine Verstärkung, kein Weg rein, kein Weg raus. Hilo ist abgeschnitten. Vollständig.
Wenn ihr also wissen wollt, wo wir stehen: ein alter Krieg aus dem Norden hat uns eingeholt, ein Blackout, der vielleicht gar keiner war, ein Staat, der seine Insel im Stich gelassen hat - und ausgerechnet die Gang, vor der man uns immer warnte, hält sie gerade zusammen. Draußen brennt es, ein zweiter Sturm kommt, ein fremdes Schiff liegt vor der Küste, und kaum jemand weiß, wer hinter all dem wirklich steckt.
Ich weiß nicht, wie das endet. Ich weiß nur, heute noch nicht.
... zZzZ ...
Passt auf euch auf da draußen. Trinkt sauberes Wasser, bleibt weg von der Südseite, wenn ihr nicht wisst, was ihr tut, und verriegelt eure Türen, wenn es dunkel wird.
Bobby bleibt auf Sendung. Solange die Batterien halten. Und jetzt ein Lied, das gerade verdächtig gut passt - „Drunken Sailor". What shall we do with a drunken sailor...
🎙️ Aloha, passt aufeinander auf!